Sprecherin: Eveline Ratering
In Eschenbach gibt es keine Allalin-Gabbro-Steine. Das farbenfrohe Gestein stammt vom Allalinhorn oberhalb von Saas-Fee.
Die Geschichte des Allalin-Gabbros begann vor rund 165 Mio. Jahren in einer 1200°C heissen Magmakammer in einigen Kilometern Tiefe. Diese entstand als Folge des Auseinanderbrechens des Superkontinents Pangäa und der darauffolgenden Bildung eines neuen Ozeans, der Tethys, zwischen dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent. Das Magma kristallisierte langsam zu einem schwarz-weissen Tiefengestein, einem Gabbro, aus.
Als sich vor rund 100 Millionen Jahren die afrikanische Platte mit dem daran hängenden Kleinkontinent Adria gegen die europäische Platte bewegte, wurde der Tethysozean, der sich zwischen den beiden Kontinenten gebildet hatte, wieder geschlossen, indem seine Gesteine langsam in die Tiefe gezogen wurden, zusammen mit dem Gabbro.
Der Allalingabbro wurde bis in fast 100 km Tiefe versenkt. Dort herrschten enorme Drücke von rund 30’000 bar – wie unter einer Wassersäule von 300 km Tiefe! Und die Temperaturen lagen um 600 ˚C. Die Versenkung und die spätere Wiederanhebung während der Alpenbildung verlief in verschiedenen Etappen. Die ursprünglichen Mineralien des Gabbro wurden in über 40 neue Mineralien umgewandelt.
Am Schluss hat die Erosion durch die eiszeitlichen Gletscher und durch Frost- und Hitzewechsel den Allalingabbro und seine imposante Südostwand freigelegt. Der Wallisgletscher transportierte den Allalin-Gabbro bis weit ins Mittelland.
Sorgsam inszeniert, unterkühlt und von einer Aura physischer Überlegenheit durchdrungen, so betritt die Allalin-Gabbro-Moderatorin die geologische Bühne. Sie schreitet nicht, sie manifestiert sich. Das Gezänke der zwölf Erben des Reussgletschers, ein wildes Durcheinander aus Granit-Geprahle und Kalkstein-Gejammer, verstummt schlagartig. Ein tiefer, vibrierender Ton liegt in der Luft, als würde sich das Fundament der Alpen selbst räuspern. Der Wettstreit beginnt, aber die Siegerin steht bereits fest, bevor der erste Vorhang fällt.
Sprecherin: Eveline Ratering
„Grüezi mitenand und herzlich willkommen in der Arena der Steine! Schön, dass Sie alle da sind. Darf ich mich vorstellen. Ich bin die Moderatorin dieser Arena.
Bevor wir beginnen, eines vorweg, damit wir uns richtig verstehen: Nein, ich bin keine Erbin des Reussgletschers. Ich bin ein Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen. Das ist eine ganz andere Liga. Ich bin pure alpine Aristokratie.
Schauen Sie sich diese Truppe hier hinter mir mal an. Zwölf gestandene Mannsbilder, Erben des mächtigen Reussgletschers – und jeder von ihnen ist felsenfest davon überzeugt, das einzig wahre Juwel in dieser geologischen Schatzkiste zu sein. Wenn Sie genau hinhören, können Sie die geballte Maskulinität zwischen den Kristallen fast schon knistern hören!
Wir erleben heute ein Spektakel der ganz besonderen Art: Einen erbitterten Erbstreit unter den stummen Zeugen des Reussgletschers. Es wird gebrüllt, es wird geprahlt und – seien wir ehrlich – es wird ganz schön hoch gestapelt, wenn es darum geht, den Nachbarn schlecht aussehen zu lassen. Von wegen hart wie Stein; wenn es um das eigene Ego geht, sind meine zwölf Herren hier so empfindlich wie eine Primel im Hochgebirge.
Sie werden gleich Monologe hören, die vor Eitelkeit nur so strotzen. Da wird der Gneis mit seinem Alter prahlen, der Kalk mit seiner strahlenden Erscheinung und die Nagelfluh … nun ja, die Nagelfluh wird uns wahrscheinlich allen die Ohren vollreden, wie toll ihr Zusammenhalt ist, während sie gleichzeitig über die anderen herzieht.
Es ist ein bisschen wie im richtigen Leben, finden Sie nicht auch? Dieses menschliche Streben nach Anerkennung, der Drang, sich über andere zu stellen, nur um der drohenden Bedeutungslosigkeit zu entkommen. Wir schauen heute in einen geologischen Spiegel unserer eigenen kleinen Schwächen – nur eben in einer sehr, sehr harten Verpackung.
Ach, und falls Sie sich wundern, wer da draussen vor der Tür so traurig guckt: Das ist der Beton. Der Arme ist heute leider ausgeladen. Er ist zwar modern und praktisch, aber mal unter uns: Ihm fehlt einfach der Charakter, die Geschichte und die Seele, die unsere zwölf Originale hier mitbringen.
Treten Sie ein, geniessen Sie dieses herrlich eitle Gerangel und lassen Sie sich nicht beirren, wenn es gleich ein wenig staubt. Es wird dramatisch, es wird satirisch und es wird garantiert nicht leise.
Meine Herren, sind die Kanten geschliffen? Die Zuschauerinnen und Zuschauer warten! Vorhang auf für den Kampf um das Erbe des Reussgletschers!“
Der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen
«Schönstes Gestein der Welt» mag etwas anmassend klingen, doch die Farbenpracht des Allalin-Gabbros, seine Vielfältigkeit und der Umstand, dass er weltweit nur an einem einzigen Ort vorkommt – am Allalinhorn –, macht den Allalin-Gabbro zu etwas ganz Besonderem. Er zeigt uns eine faszinierende Entstehungsgeschichte während der Alpenbildung, verbunden mit einer raschen Versenkung in grosse Tiefen und ebenso raschem Wiederaufstieg. Dies macht ihn auch zu einem spannenden Forschungsobjekt. Während der Eiszeiten gelangten grosse Mengen des Gesteins als Findlinge und Gerölle bis weit ins Mittelland und zeigen bis heute als «Leitgestein» die Ausdehnung des Wallis-Gletschers an. Der Allalin-Gabbro war für die Steinzeitmenschen geschätzter Werkstoff für Steinbeile - heute ist er sehr beliebt als Schmuckstein.
Das Buch des Geologen Jürg Meyer präsentiert dieses Wundergestein mit vielen schönen Fotos, anschaulichen Grafiken und gut verständlichen Texten. Schönstes Gestein? Überzeugen Sie sich selbst!
Mehr Infos unter: www.rundumberge.ch